©oPirates

Performance Community On-Line Media
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Was ist eine Gemeinschaft, und wodurch entsteht sie? Zeitgenössische Ansätze in der Philosophie haben das Wesen von Gemeinschaft in den letzten Jahren neu formuliert und einige provokante Überlegungen ins Spiel gebracht: Gemeinschaft besitzt kein gemeinsames Wesen. Sie stellt sich weder als stabile Totalität, noch als zu erreichender sozialer Zustand dar. Sie geht weder aus einem fixen Ursprung hervor, noch definiert sie sich durch Abgrenzung nach außen und Homogenität im Inneren. Gemeinschaft heute ist unabgeschlossen und nicht institutionalisierbar. Sie entzieht sich der Repräsentation. Gemeinschaft heute existiert allein im Prozess ihres Entstehens, als ein provisorisches Zusammen-Sein oder Mit-Sein unterschiedlicher Akteure. Es handelt sich um ein "Mit-ein-ander-sein", ein "singulär-plural-sein". In den Buchtiteln zeitgenössischer Philosophen artikulieren sich diese Auffassungen von Gemeinschaft: Giorgio Agamben spricht von der "kommenden" Gemeinschaft, Jean-Luc Nancy von der "entwerkten" Gemeinschaft und Maurice Blanchot von der "uneingestehbaren" Gemeinschaft.

Im Verlauf seines dreijährigen Stipendiums in München wird sich der Choreograph Richard Siegal intensiv und aus verschiedenen Perspektiven mit der Idee von Gemeinschaft auseinandersetzen. Mit seinem Musik- und Performanceprogramm ist das Muffatwerk seit jeher ein Ort, an dem sich Abend für Abend unterschiedliche Gemeinschaften von Zuhörern und Zuschauern formieren. Das Münchner Publikum soll sich an Siegals Projekt genauso aktiv beteiligen wie die vielen lokalen Gruppen aus den Bereichen Kunst, Musik, Tanz, Performance und Politik, die er dazu eingeladen hat, das Phänomen von Gemeinschaft kreativ zu erkunden.

Performance als Instrument

Im Gegensatz zu den traditionellen Disziplinen, die sich mit dem Konzept menschlicher Kollektivität beschäftigen, wie Philosophie oder Politik, wird Gemeinschaft von Siegal auf dem Weg der Performance durchleuchtet. Damit stellen sich auch verschiedene Fragen neu oder anders, etwa: Auf welche Art und Weise bewohnt der Körper die Gemeinschaft? Wie verhält sich der Körper zum Politischen? Welche Sprache/n kreiert der Körper, sobald er in Kontakt mit dem/den Anderen kommt?

Was führt zusammen?

In seinen bisherigen Arbeiten hat sich Siegal bereits intensiv mit der Verbindung zwischen Individuum und Welt auseinandergesetzt. As If Stranger sowie die Duos Homo Ludens und Muscle verhandelten die Begegnung mit dem Anderen. In Glossopoeia, einem Trio, wurde untersucht, wie eine kleine Gemeinschaft im Angesicht von Katastrophe und Chaos funktioniert. Jetzt widmet sich Siegal der Idee von Gemeinschaft im erweiterten Sinn. Seine Entscheidung, nicht nur mit professionellen Tänzern, sondern auch mit tänzerisch unerfahrenen Personen und Gruppen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu arbeiten, bejaht und befragt zugleich die Potentiale des menschlichen Körpers. Wie wird die Sehnsucht nach Gemeinschaft im Alltäglichen zum Ausdruck gebracht, und wie in den virtuosen Darbietungen von körperlich hochsensibilisierten, geübten Tänzern?

©oPirates

In ©oPirates wird auch das Publikum in die Performance eingebunden. Die Zuschauer sind eingeladen, sich frei im Raum zu bewegen, während der Abend seinen Lauf nimmt und sich die Performances in dieser vielschichtigen, multi-referenziellen Aufführung immer wieder zuspitzen.

Green City, Anhänger von ParkourONE und Parkour-München, Mitglieder des Attac-Chores, Vertreter der Piratenpartei -- alle bringen sich im Verlauf des Abends ein. Die Tänzer interagieren mit diesem energiegeladenen Umfeld menschlicher Aktivität, während die Sopranistin Yvonne Madrid das Geschehen vorantreibt. Sie kommuniziert mit dem Publikum und trägt verschiedene Lieder aus Oper, Musical, Pop und Folklore vor, die Teil unseres gemeinsamen musikalischen Gedächtnisses sind. Madrid ist der Geist der Performance, die Zauberin, die der kollektiven Psyche der Akteure Leben einhaucht. Dabei steht ihr der renommierte Münchner Performancekünstler Alexeij Sagerer zur Seite, der immer wieder mit unterschiedlichen künstlerischen Interventionen in das Stück eingreifen wird.

Austausch von Wissen

©oPirates hat mit der Vorstellung einer "kommenden" Gemeinschaft zu tun, in der das "singulär-plural-sein" über den Austausch von Wissen erprobt wird. Gemeinschaft ermöglicht das Zirkulieren von Ideen und Affinitäten. Sie bildet ein Umfeld, in dem Akteure lernen und sich weiterentwickeln können. Der Transfer von Wissen und Ideen bildet das Herzstück jeden Mit-Seins, jedes Zusammen-Seins. Durch ihn entsteht sowohl Gemeinschaft als auch Singularität. Wissen unterscheidet ein Individuum vom anderen und schafft auf diesem Wege Singularität, die in Gegenwart anderer kundgetan und mit anderen geteilt werden kann. Genau dieses Phänomen führt auch hin zum Konzept der "Piraterie":

Wo liegen die Grenzen des Austauschs und des Teilens? Ist es möglich, man selbst zu sein und gleichzeitig zu teilen? Diese Fragen werden in den verschiedenen Handlungssträngen und –phasen des Stücks beleuchtet. Der Austausch und die Aneignung von Wissen stehen im Zentrum aller Bühnenaktivitäten, seien sie körperlich-künstlerischer oder alltäglich-profaner Natur.

Jede Aufführung von ©oPirates wird immer auch ein spontanes Ereignis werden, ein Abend, an dem weitere Fragen auftauchen und neue Entdeckungen zu machen sind. Willkommen zu dieser philosophischen Party! Willkommen zu diesem tänzerischen Rendezvous! Im Sinne eines berühmten Songs: We Are The World.


Chantal Pontbriand



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What is a community? How does one go about constituting a community? Some say that community exists only in the becoming, never as a fixed entity. In the field of philosophy, Giorgio Agamben speaks of the “coming” community, Jean-Luc Nancy of the “inoperative” community and Maurice Blanchot of the “unavowable” community.
"The community that becomes a single thing (body, mind, fatherland, Leader...) necessarily loses the in of being-in-common. Or, it loses the with or the together that defines it. It yields its being-together to a being of togetherness. The truth of community, on the contrary, resides in the retreat of such a being." – Jean-Luc Nancy
Choreographer Richard Siegal has undertaken the task of questioning himself the idea of community as he embarks on a three year residency at the Muffatwerk in Munich. The Muffatwerk is a place of coming together in itself, a music and performance space that attracts communities of spectators and aficionados which assemble whenever their favorite artists are on show. Siegal has committed himself to opening up the space to the Munich public and has gone so far as inviting different local groups to take part in his investigation of community.

Through performance

Here, contrary to philosophy or even to politics that are the traditional modes of exploring modalities of collective being, community is investigated through modes of performance. The question becomes: how does the body inhabit community? How does the body relate to the political? What particular language(s) does the body produce when one comes into contact with the Other?

What provokes the coming together?

In line with previous works where Siegal has explored the individual’s link to the world, as in As If Stranger, or that of encountering the other as in the duos Homo Ludens or Muscle, or even in Glossopoeia where in a trio he investigated the working out of a small community in the wake of virtual catastrophe or chaos, Siegal has chosen to explore the idea of community in an expanded sense. This time, his decision to work with professional dancers as well as non-dancers of all horizons is as much an affirmation as an investigation of bodily potentialities. How does one express one’s desire to “be together” in the everyday, as well as in the rarified virtuoso performances of highly sensitive and trained dancers?

©oPirates

In ©oPirates, a linguistic contraction that Siegal has devised in order to name the event, the public also becomes part of the performance. The spectators are invited to circulate freely in the space as the evening unfolds and as “bursts” of performance manifest themselves in a multi-framed, multi-faced presentation.
Green City, practitioners of ParkourOne and Parkour München, choir singers associated with Attac, leaders of the Piratenpartei, all manifest themselves as time unfolds. The dancers interact with this energetic deployment of human activity, as soprano Yvonne Madrid drives the action by addressing the crowd as well as singing songs from opera, musicals, pop or folklore, songs common to our collective musical background. She is the spirit of the performance, the sorceress that animates the collective psyche at work. So is the renowned Munich performance artist Alexeij Sagerer who will punctuate the evening with different interventions.

Knowledge transmission

©oPirates has to do with the “coming” community, or the on-coming community. A basic need for community comes from the idea of sharing ideas, sharing affinities, which come from the desire and the need to grow and learn. The transmission of ideas and of knowledge is at the heart of the communal being and driving community, as much as it drives singularities. Knowledge is what differentiates an individual from the other, creating singularity, which can be shared in the presence of others. This phenomenon also leads to “piracy”.

What are the limits, the borders of sharing? How can one be oneself and share at the same time? These are the questions that the different sequences of action unfolding throughout the piece will explore and redefine. In all of the manifestations on stage -- bodily and artistic as well as non-artistic, ordinary or mundane activity -- the question of transmission and learning will be enhanced.

Each time that ©oPirates is presented it will become an event – an evening in which more of these questions unfold, and more discoveries will be made. Welcome to this philosophical party! Welcome to this bodily encounter! As the song says, We Are The World.


Chantal Pontbriand